Orgelwerke

Kloster Oesede, St. Johann

Neubau mit Wechselschleifen | II/15 | 2017 | Opus 1008

Die Kirche

Die Ortschaft Kloster Oesede ist ein Stadtteil von Georgsmarienhütte (Kreis Osnabrück) und beherbergte bis 1803 ein Benediktinerinnenkloster. Die ehemalige Klosterkirche und heutige Pfarrkirche St. Johann stammt aus dem 12. Jahrhundert und bildet gemeinsam mit dem erhaltenen Konventgebäude von 1723 ein regional bedeutendes Architekturdenkmal. Der im spätromanischen Stil errichtete, einschiffige Kirchenbau mit Querhaus und Kreuzgratgewölbe erhielt vereinzelte spätgotische Ergänzungen. Von der ursprünglichen Doppelturm-Westfassade ist nur der Nordturm erhalten geblieben. Das Innere bestimmen die klaren Formen der von weißen Wandflächen sandfarben abgesetzten Gurtbögen und die sie aufnehmenden Wandpfeiler. Die neoromanische Orgelempore nimmt fast das ganze Westjoch ein.

 

Die neue Orgel

Im Zuge der Kirchenrenovierung 1985 wurde die schadhafte alte Orgel von 1901 (Haupt, II/21) entfernt. Danach blieb die Kirche über dreißig Jahre lang ohne angemessenes Instrument. Unter den seinerzeit auf einem Dachboden eingelagerten Registern befanden sich zahlreiche historische Holz- und Metallpfeifen, auch aus den Vorgängerorgeln, deren älteste bis etwa 1670 datieren und damit zu den ältesten im Bistum gehören. Diese wurden aufwendig restauriert und in das Klangkonzept der neuen Orgel integriert, so dass der Altbestand mit 200 von 912 Pfeifen nun 22% des Pfeifenwerkes ausmacht.

13 Register formen ein üppig ausgestattetes Manualwerk auf 16'-Basis, das mit einem Prinzipal- und Flötenchor zu 8‘/4‘/2‘, einem 8'-Streicher, zwei Aliquoten, der obligatorischen Klangkrone und zwei charakteristischen Zungenstimmen eine reichhaltige Auswahl an Klangfarben bietet. Das hinterständige Pedalwerk aus zwei 16'-Registern und einer Extension vermittelt ein veritables Fundament mit Zeichnungsfähigkeit.

Im zweiten Manual lassen sich neun Register mittels Wechselschleifen separat registrieren und schaffen somit die Voraussetzung für zweimanualiges Orgelspiel. Auf diese Weise konnte auf ein zusätzliches Manualwerk verzichtet und dafür das Hauptmanual umfangreich und lückenlos besetzt werden. Darüber hinaus verhindert die Aufstellung der Manualregister auf gleicher Höhe bzw. auf einer Windlade Verstimmungen, die durch unterschiedliche Temperaturschichtungen im Raum entstehen können.

Die Suboktavkoppel II ermöglicht neben einer erweiterten Nutzung der Klangressourcen eine signifikante Steigerung der Gravität. Bis auf den Prospekt-Prinzipal stehen die Manualregister in einem Generalschwellkasten, der dem Orgelklang dynamische Expressivität verleiht. Die Kirche verfügt über eine stimmungsvoll-hallige Akustik, die den Orgelklang hervorragend trägt und durch die ohnehin akustisch günstige Positionierung für deutliche Präsenz im Raum sorgt. Insgesamt eröffnen sich dem Organisten für ein Instrument dieser Größe ungeahnte Klangwelten voll Wärme, Fülle und Kraft, lyrischem Ausdruck und strahlendem Glanz.

Die Stimmtemperatur ist leicht ungleichschwebend nach Janke III angelegt. Nicht zuletzt trägt auch die äußerst sensible Intonation, die trotz registerspezifisch individueller Charakteristik eine gute Mischfähigkeit gewährleistet, zu einem überzeugenden Ergebnis bei, das zu der Aussage im Abnahmebericht führt, die Orgel dürfe zu den klangschönsten im gesamten Bistum Osnabrück gezählt werden.

Außer dem perfektionierten Wechselschleifensystem kamen bei diesem Orgelneubau weitere technische Raffinessen zum Einsatz. Eine spezielle Konstruktion, die das Tastengewicht aus der Trakturmasse nimmt, sowie extrem leichte und stabile Kohlefaser-(Carbon-)Abstrakten sorgen selbst bei gezogenen Koppeln für einen stets leichten Tastendruck und artikulatorisch sensiblen Anschlag. Jedes Werk verfügt über automatische Trakturspanner, die sich mittels kleiner Keilbälge pneumatisch selbst regulieren. Das Windsystem versorgt das Instrument mit stabilem, aber nicht starren Wind und ist so konstruiert, dass es bei vollgriffigem Spiel sogar einen leichten Druckanstieg bewirkt.

Prospektgestaltung und Frontpfeifenaufstellung orientieren sich an traditionellen Prinzipien. Der ausgewogen proportionierte  Gehäuseaufbau folgt dem Gewölbeverlauf und greift mit einigen elegant geschwungenen Elementen die Bogenlinien des Raumes auf. Rote Schleierbretter und Schattenfugen der Friese setzen in der geölten Eichenholzoberfläche einen farblichen Akzent. Die zurückhaltende Ausführung in schlicht-moderner Formensprache fügt sich harmonisch in die romanische Architektur ein.

Disposition

I. Manual C-g3

  1. Bourdon 16' *
  2. Prinzipal 8'
  3. Salicional 8' *
  4. Gedackt 8' * (ab c' offen)
  5. Oktave 4'
  6. Rohrflöte 4'
  7. Nasat 2 2/3' *
  8. Oktave 2'
  9. Flöte 2' *
  10. Terz 1 3/5'
  11. Mixtur 3f. 1 1/3'
  12. Trompete 8'
  13. Basson-Hautbois 8'

II. Manual (Wechselschleifen) C-g3

       Salicional 8' *
       Gedackt 8' * (ab c' offen)
       Oktave 4'
       Rohrflöte 4'
       Nasat 2 2/3' *
       Flöte 2' *
       Terz 1 3/5'
       Trompete 8'
       Basson-Hautbois 8'

Pedal C-f1

  1. Subbass 16' * (ab c° offen)
    Oktavbass 8' (kombiniert mit Subbass 16')
  2. Fagott 16'

 

Spielhilfen: Tremulant, I-P, II-P, II-I, Sub II (durchkoppelnd)

 

* Register enthält historische Pfeifen
Manual-Register im Generalschweller (außer Prinzipal 8')
Gedackt 8' auf beiden Manualen simultan registrierbar
mechanische Schleifladen
Holztraktur mit Carbon-Abstrakten
leicht ungleich schwebende Stimmung (Janke III)