Orgelwerke

Greiz, Stadtkirche St. Marien

Restaurierung der Kreutzbach-Jehmlich-Orgel (1881/1919) | III/58 +4TM | 2022

Die Kreutzbach-Jehmlich-Orgel

Während der barocke Turm der St. Marien-Kirche in Greiz nach einem Stadtbrand 1802 dem alten Vorbild entsprechend wieder errichtet wurde, erhielt das Kirchenschiff im Zuge des Wiederaufbaus Anfang des 19. Jahrhunderts seine noch heute bestehende Form einer klassizistischen Hallenkirche mit Spitztonnendecke. Die gediegene Ausstattung kommt nach der 2012 abgeschlossenen Renovierung voll zur Geltung. Der imposante Orgelprospekt im neoklassizistischen Stil ergänzt das Gesamtbild der Kirchenausstattung zu einem gelungenen architektonischen Ensemble.

Richard Kreutzbach (Borna) lieferte 1881 die neue Orgel mit drei Manualen und 40 Stimmen auf mechanischen Schleifladen, deren Registerschleifen mittels pneumatischer Hebel betätigt wurden.

1919 erfolgte durch Gebr. Jehmlich (Dresden) ein tiefgreifender Umbau mit Erweiterung um ca. 20 Register. Dabei wurden die bestehenden Schleifladen des Pedals und die meisten Register der Vorgängerorgel wiederverwendet. Die Manualwerke erhielten neue Kegelladen und die gesamte Traktur wurde pneumatisch angelegt. Auch die Klaviaturumfänge wurden erweitert (Man. von f3 auf a3/a4, Ped. von d0 auf f1) und die zugehörigen Pfeifen teils auf Extrakanzellen gestellt. Trotz des nun ausgeprägt spätromantischen Charakters blieben in der Orgel einige der ausgehenden klassisch sächsisch-thüringischen Klangeigenschaften Kreutzbachs erhalten. Die Disposition entwarf der damalige Organist Richard Jung, ein Freund Max Regers, der seinerseits selbst auf dem erweiterten Instrument spielte.

Die Werke teilen sich im Inneren seitdem wie folgt auf: Die Holzpfeifen des Untersatz 32‘ stehen mittig unten hinten an der Rückwand, außen flankiert von den in C/Cs geteilten Windladen des Großpedals. Davor treten mit Stimmgangabstand und ebenfalls im Unterbau die beiden Kleinpedal-Laden. In der ersten Etage nehmen nebeneinander das I. und II. Manual die gesamte Gehäusebreite ein, links das Hauptwerk mit darunter hängendem großen Magazinbalg und rechts das Oberwerk. Der Schwellkasten befindet sich in der oberen Ebene; er reicht bis nach hinten über die 32‘-Pfeifen und entspricht in der Breite dem Prospektgiebel. Alle drei Manualwerke besitzen jeweils zwei hintereinander angeordnete Windladen mit chromatischem Pfeifenablauf und dazwischen liegendem Stimmgang. Hinzu kommen diverse kleinere Zusatzladen für die erweiterten Tonumfänge, Registerergänzungen (Trompete 4‘ HW) und Prospektpfeifen.

In den folgenden Jahrzehnten kam es bis in die 1980er Jahre immer wieder zu geringfügigen klanglichen Änderungen und Umdisponierungen. Vor allem einige „Aufnordungen“ der Disposition 1931/42 beeinträchtigen das romantische Klangbild nachhaltig. 1980 fand außer weiteren Registeränderungen eine Umrüstung der Trakturen auf Elektropneumatik statt, bei welcher der angebaute pneumatische Spieltisch entfernt und stattdessen eine zeittypische elektrische Konsole auf fahrbarem Podest installiert wurde.

 

Restaurierung

Der technische Zustand der Orgel hatte sich im Laufe der Zeit massiv verschlechtert und stand zuletzt kurz vor dem völligen Versagen. Vom ehemaligen Klang ließ sich aufgrund intonatorischer Mängel, einer unzureichenden Windversorgung, starker Verschmutzung und technischer Ausfallerscheinungen kaum noch etwas erahnen. Der Registerbestand von Kreutzbach und Jehmlich ist jedoch noch fast vollständig vorhanden und das Pfeifenwerk von guter Qualität, so dass als Restaurierungsziel die Wiederherstellung der erweiterten Disposition von 1919 festgelegt wurde (mit Ausnahme der 1931 ergänzten und jetzt beibehaltenen Trompete 4‘ im HW).

Um die größte Orgel Ostthüringens als weitgehend original erhaltenes Klangdenkmal wieder in alter Pracht hören und spielen zu können, bedurfte es umfangreicher Maßnahmen. Alle beweglichen Teile wurden ausgebaut und die komplette Orgel gereinigt und gegen Schimmelbefall behandelt. Die bestehenden Windladen mit Stöcken und Rastern, die Relais, Bälge sowie die elektropneumatischen Ansteuerungen wurden vollständig restauriert. Membranen, Lederdichtungen und die Gebläseanlage mussten dagegen erneuert werden. Auch die abgängige Elektrik wurde vollständig ersetzt und neu verkabelt. Im gleichen Zuge erhielt die Orgel ein elektronisches Setzersystem inklusive Touch-Display und eine neue, progressive Schwellersteuerung samt Motor.

Schäden an Orgelgehäuse und Wartungszugängen wurden ausgebessert. Schließlich wurden die Prospektpfeifen aus Zink neu lackiert.

Das Pfeifenwerk wurde einer sorgfältigen Instandsetzung unterzogen. Durch vorausgegangene Versetzungen, veränderte Zusammenstellungen und umgearbeitete, teils abgesägte Pfeifen war es erforderlich, zwölf Register wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzuführen, ganz oder teilweise inklusive der Raster als Nachbau zu rekonstruieren bzw. fehlende Pfeifen zu ergänzen und zu kurz geschnittene Körper und Becher anzulängen. Wo erforderlich, wurden Stimmvorrichtungen und Zungenblätter erneuert. Die 1919 für die Diskanterweiterungen verwendeten Pfeifen mussten aufgrund unpassender Bauformen und Mensuren fast vollständig erneuert werden. Die sensible Nachintonation bewahrt den Charakter und dient vor allem dem Ausgleich der Klang- und Anspracheverhältnisse.

Die Proportionen des neuen mobilen Spieltisches sind kompakt und übersichtlich gehalten. Das Spieltischgehäuse greift Ideen der klassizistischen Prospektgestaltung vereinfacht, aber stilkonform auf. Die Gestaltung im Bereich der Bedienelemente und Klaviaturen trägt deutliche Charakterzüge des deutsch-romantischen Orgelbaus mit bewusster Anlehnung an die Optik einiger Kreutzbach-Spieltische.

Untersatz 32'
Pedal
pneumatische Schleifenzugapparate im Pedal
Windladen Man. I.+II.
Schwellwerk
Zusatzlade im Schwellwerk

Disposition

I. Hauptwerk C-a3

  1. Prinzipal 16‘ Kr/Je (C-b Prospekt)
  2. Prinzipal 8‘ Kr/Je/Sp (C-cs Prospekt)
  3. Gamba 8‘ Je
  4. Flûte harmonique 8‘ Je
  5. Bordun 8‘ Je
  6. Gemshorn 8‘ Kr
  7. Dolce 8‘ Kr
  8. Oktave 4‘ Kr
  9. Rohrflöte 4‘ Kr
  10. Quinte 2 2/3‘ Kr
  11. Oktave 2‘ Kr
  12. Cornett 3-4f. 2 2/3‘ Kr
  13. Mixtur 4f. 2‘ Kr
  14. Trompete 8‘ Je
  15. Trompete 4‘ Je*

    II-I
    Sub II-I
    Super II-I
    III-I
    Sub III-I
    Super III-I

II. Oberwerk C-a3

  1. Bordun 16‘ Kr
  2. Prinzipal 8‘ Kr/Je (C-d1 Prospekt)
  3. Hohlflöte 8‘ Kr/Je/Sp
  4. Viola 8‘ Kr/Sp
  5. Salicional 8‘ Je
  6. Quintatön 8‘ Kr
  7. Rohrflöte 8‘ Kr
  8. Zartflöte 8‘ Je
    Schwebeflöte (Kanzellentremulant Zartflöte) Je
  9. Oktave 4‘ Kr
  10. Salicet 4‘ Je
  11. Quinte 2 2/3‘ Je/Sp
  12. Waldflöte 2‘ Kr
  13. Mixtur 3-4f. 1 1/3‘ Kr/Sp
  14. Clarinette 8‘ Je

    III-II
    Sub III-II
    Super III-II
    Sub II
    Super II
    Aequal ab II

III. Schwellwerk C-a4

  1. Liebl. Gedackt 16’ Kr/Je
  2. Dolce 16‘ Je
  3. Geigenprinzipal 8‘ Je
  4. Konzertflöte 8‘ Kr/Je
    Gedackt 8' (TM 16' bis a''')
    Violine 8' (TM 16' bis a''')
  5. Fernflöte 8‘ Je
  6. Aeoline 8‘ Je
  7. Vox coelestis 8‘ Je (ab c°)
  8. Viola 4‘ Kr/Sp
  9. Gemshorn 4‘ Kr/Sp
  10. Traversflöte 4‘ Kr
  11. Rohrquinte 2 2/3‘ Kr
  12. Violine 2‘ Je
  13. Terz 1 3/5‘ Kr
  14. Sifflöte 1‘ Kr/Sp
  15. Harmonia aetherea 3-4f. 2‘ Je
  16. Trompete harmonique 8‘ Je
  17. Oboe 8‘ Je
    Tremulant

    Sub III
    Super III (16'-2 2/3' ausgebaut bis a4)
    Aequal ab III

Pedal C-f1

  1. Untersatz 32‘ Kr
  2. Prinzipalbass 16‘ Kr
  3. Violon 16‘ Kr
  4. Subbass 16‘ Kr
    Gedacktbass 16‘ TM III.
    Dolcebass 16‘ TM III.
  5. Quintbass 10 2/3‘ Sp
  6. Prinzipalbass 8‘ Kr
  7. Violoncello 8‘ Je (im Schwellkasten)
  8. Gedacktbass 8‘ Sp
  9. Oktavbass 4‘ Kr
  10. Posaune 16‘ Kr
  11. Trompete 8‘ Kr
  12. Clarine 4‘ Kr

    I-P
    II-P
    Super II-P
    III-P
    Super III-P


    Setzeranlage mit Touch-Display
    Crescendowalze, Zungen ab, Tutti

    Kr = Kreutzbach 1881
    Je = Jehmlich 1919
    Je* = Jehmlich/Schüßler 1935
    Sp = Späth 2022